Stern September 16, 1999

SCHOCK,LASS NACH!

Seine Bilder sind surreale Provokationen und manchmal gewagte Spiele um Körper, Kult und Moden, mit seinen Eigenwilligen Inszenierungen ist der New Yorker Fotograf LaChapelle zum avantgardisten einer fröhlich-makabren und glamourösen Bildsprache geworden.

Seine Biografie ist die eines früh Losgelassenen. Geboren 1964 in Connecticut, wuchs David LaChapelle mit Bruder und Schwester und einer Mutter auf die fotografische Inszenierungen zu einem Familien sport machte. "Wir hatten eine enorme Produktion, meine Mutter dirigierte die Szenen und konnte stundenlang am Styling arbeiten", erinnert sich David. "Als ich noch ganz klein war, baute sie mit Engelsflügel aus Papier, richtig detailliert mit Federn und so, und so wurde ich fotografiert."

Später zog die Familie LaChapelle ("Der Name kommt von französischen Vorfahren") durch die Städte. Mutter Helga suchte Objekte und Hintergründe für neue Bilder, "Wir stellten uns vor anderer Leute Autos und liehen uns Hunde für Aufnahmen aus" - und der kleine David, der sich als "Haschisch rauchendes Teenage-Desaster" in Erinnerung hat , lernte früh, dass das Abbild in Wahrheit das wahre Bild werden kann. Noch heute gehört ein Foto, das er von seiner Mutter machte, als er acht war, zu seinen liebsten Bildern.

Er war kaum 15, da verließ David die Familie und zog nach New York, für ihn eine ebenso glitzernde wie gespenstische Metropole der Kuituren. Nachts lief der Junge durch die Straßen, und irgendwann fand er einen Job im "Studio 54" damals der Tempel der Pop-Kultur und ihrer Stars Andy Warhol. Truman Capote oder Mick Jagger. Davids große Augen saugten alles auf: Bilder des Exzesses, Orgien des Bisexuellen, eine kleine Gesellschaft stellte jede Nacht alle Regeln auf den Kopf. " Ich hatte Spaß, doch ich verliess New York wieder, weil ich in North Carolina die High School beenden wollte", sagt David.

Drei Jahre später kam ein gereifter LaChapelle zurück in die Stadt: unterm Arm eine Mappe mit Fotos, die er von seinen High-School-Freunden gemacht hatte. Nackt. "Ich hatte gelernt, dass Menschen unglaubliche Dinge tun, um auf ein Foto zu kommen", so David. der bis heute an dieses Gesetz glaubt. Nach ein paar Tagen in New York traf LaChapelle wieder auf Andy Warhol: "Er sagte, ich solle ihm meine Bilder zeigen, und als er sie sah, sagte er "great". Ich glaube, Andy sagte immer "great" auch wenn er einen Keks anschaute, aber ich bekam meinen ersten Job für seine Zeitschrift "Interview". " Eine nicht genannte Country-Sängerin war damals das erste Opfer von LaChapelle fotografischem Zirkusstil. "Wir kletterten auf das Dach meiner Wohnung, sie musste weinen, weil die Reflektoren so grell waren, und dann versank sie mit ihren Absätzen im heißen Teer auf dem Dach. Wir mussten sie herauszerren. Irgend wie sah das alles gut aus, aber ihre Nerven kollabierten."

Damals. Anfang der 80er Jahre, machte LaChapelle seine meisten Bilder noch in Schwarzweiß, als Kontrastprogramm zu der grell-bunten Welt, die um ihn herum das Leben feierte. Dann fand David einen Freund, der bald darauf an Aids starb, und er fing an, seine Bildersprache komplett umzudrehen und wie ein Besessener gegen den Strom der fotografischen Moden zu schwimmen. Dem Brechtschen Gedanken folgend, dass "weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über die Realität aussagt", entstand der ausschweifende, pittoreske Stil des Newcomers.
Heute, beinahe zwei Dezennien nach seinen ersten Fotos, gehört LaChapelle zu den stilbildenden Fotografen der Welt. Aber nach Jahren des immer wieder kopierten, sachlichen Schwarzweiß-Stils in der Portratfotografie verbreiten seine Kompositionen inzwischen eine fast barocke, ironische Wollust. Umso seltsamer , wenn der Fotograf nachts in der New Yorker B-Bar glaubt, seine Technik noch verteidigen zu müssen".

"Ich will Fluchten anbieten, die Welt ist grau genug. Meine Bilder sind kleine Gedankenferien, sie sind schön, weil sie schön sein wollen". Er interessiere sich nicht, sage er, für irgendeinen inneren Kern seiner Motive oder die Sparsamkeit von Schwarzweiß-Ansichten, nein, er schaue nur auf die Hülle, auf die Mischung aus Maske und Image, die vors seinen Objekten herweht, um dann nach und nach die Regier zu überdrehen und dieses Mobile aus Posing und manchmal auch Tragik aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wie sonst käme einer auf die Idee, eine Schuhmode-Geschichte für die französische "Vogue" in einem Kreißsaal zu fotografieren? Den Schuh am Fuß des gespreizten Beines der Mutter, im Hintergrund das eben geborene Baby. Oder den unter Anklage stehenden Rapper Tupac Shakuf in eine Badewanne mit Schaumwasser zu setzen "Tupac wäscht sich rein, war die Idee."

Je länger man auf LaChapelles Bilder schaut, desto untertriebener klingen seine Beteuerungen, alles seien nur Fluchten. Im Gegenteil, in der Überzeichnung entstehen Bilder größerer Wahrheiten, wie sie Walter Benjamin einmal in einem Aufsatz über die Porträtfotografie beschrieb: "Das Verfahren selbst veranlasste die Modelle. nicht aus dem Augenblick heraus, sondern in ihn hinein zu leben; während der langen Dauer dieser Aufnahmen wuchsen sie gleichsam in das Bild hinein ... "

David selbst kann allerdings wenig damit anfangen, wenn seine Arbeiten in Theorien beschrieben werden. Er sei wie "Dali durch Warhol gefiltert mit viel Diane-Arbus-Zutaten", schrieb beispielsweise die "New York Tunes": andere sehen in seinen Aufnahmen die Fortsetzung von Magrltte-Bildern. und manchmal fällt auch der Name, der David wirklich gefällt: Fellini. Ja, dann lächelt er, dann freut er sich, er mag die Fantasiebauten des italienischen Remgisseurs, mag dessen Ironie und sanfte Ignoranz der trüben Wirklichkeit. Fragt man LaChapelle, in welchem seiner Bilder er die meisten seiner Gedanken versammelt findet, zeigt er auf das Foto " Fleiscb",ein kargesArrangement aus einem Mädchenkörper, der mit einer kompletten Rinderhälfte auf einem Hotelbett liegt. David kann stundenlang von diesem Bild berichten, er ist Vegetarier, und irgendwie wollte er mit seinem Foto einen Kommentar abgeben zu dem "Wahnsinn, mit dem die Fleischindustrie die Landwirtschaft der Welt auf den Kopf stellt".

Man braucht ein bisschen, um aus LaChapelle mehr als nur Bildbeschreibungen herauszulocken Man spaziert mit ihm durch die Strassen Manhattans , sitzt in seinem Studio - und irgendwann in diesen Stunden fallen dann Sätze wie "Ich bin sehr komplex und muss alles jeden Tag neu balancieren. Meine Lust zu zerstören und meine Energie. Neues aufzubauen.

Das Gespräch führte Jochen Siemens

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