Sieter February 19, 2006

DIE  FOTOHURE. 

Er ist 15 Jahre alt, als er sein erstes Geld als Strichjunge im berühmten New-Yorker Club ·Studio 54· verdient. Zur gleichen Zeit singt Madonna -Like a Virgin- und Pop-Art-Künstler Andy Warhol ist auf dem Gipfel seines Erfolgs angekommen.
Das war Mitte der Achtzigerjahre und David LaChapelle konnte nicht ahnen, dass ihm gerade diese beiden den Weg ebnen würden vom Gassenjungen zum weltberühmten Fotografen, vor dessen Kamera die Stars “machen, was ich will!”.
SIE+ER stellt exklusiv sein drittes Buch -Artists and Prostitutes- vor. Darin hat LaChapelle Bilder aus den vergangenen zwanzig Jahren zusammengestellt: ein wilder Mix aus Sex, Humor und Gesellschaftskritik. 
 
 Christina Aguilera, David Beckham, Paris Hilton, Marilyn Manson und Elton John - David LaChapelle Kundenliste ist lang, sie umfasst mehr als 200 Namen. Seine Fotografien illustrieren CDs. Magazine und Anzeigenkampagnen von L'Oréal, Burger King, H&M oder John Galliano. Der amerikanische Fotograf ist den Promis so nah wie sonst keiner, seine Aufnahmen sind unverwechselbar und seine Methoden berühmt-berüchtigt.

Das durfte Madonna am eigenen Leib erfahren. " Stell  dich nicht so an! " ruft David LaChapelle durchs Fotostudio. Alles ist vorbereitet. Der Airbrushkünstler Ernie hat in stundenlanger Arbeit pinkfarbene Sonnenstrahlen auf eine Leinwand gesprüht und einen Drachen mit bunter Farbe gestaltet.

Davor, auf dem Boden ist ein glänzender Spiegel auf dem knöchelhoch Wasser steht. Darin soll sich Madonna räkeln und den Arm mit gespreizten Fingern nach vorn strecken. Doch sie hat Angst: Eine der Studiolampen könnte einen Kurzschluss haben. Das Wasser würde die Elektrizität leiten und Madonna bekäme einen Stromschlag. Am Ende überzeugt der 38- jährige Amerikaner die Queen of Pop mit einem «that's gonna be fucking great". Madonna fühlt sich geschmeichelt, sie macht mit und erscheint später als Drachenlady im Musikmagazin "Rolling Stone». Eine weitere Trophäe für David LaChapelle. Er sagt: "Am Ende zählt nur das perfekte Ergebnis.»

Für seine Bilder  verlangt er tausende Dollars. Kein Wunder, dass er sich Wohnungen in Los Angeles und New York gleichzeitig leisten kann. Doch Ihm geht es nicht ums Geld. Eher um Ruhm - und : vor allem um ihn selbst: "Es geht, immer um mich. Meine Bilder sind Selbstporträts. Ich will mich inszenieren. Dass mache ich, indem ich die Menschen in die Szene stelle. Ich fotografiere sie, wie ich will. Und damit zeige ich, wer ich! bin», sagt er. Ich. Ich. Ich...

Egoismus ist heute sein Markenzeichen, früher war dieser nur die unangenehme Charaktereigenschaft eines schwierigen Jungen. In seiner Heimat Connecticut gilt er als Schläger, Rowdy und Dieb. Er macht, was ihm gerade in den Sinn kam und sass dafür regelmässig im Gefängnis. Die Eltern sind hilflos, er fühlt sich missverstanden.

Nur wenn er Andy Warhol Magazin "Interview" anschaut, gehst ihm gut. Wieder und wieder betrachtet er die extravaganten Bilder darin, träumt davon. Fotograf zu werden und für genau diese Zeitschrift Stars zu porträtieren. Doch schlägt er das Magazin zu, holt ihn die graue Realität ein. Denn nicht einmal in der Cafeteria seiner Schule kann er sich ohne Arger zu bekommen blicken lassen.

LaChapelle ist 15 als er das erste Mal von zu Hause nach New York wegläuft. "Niemand hat mich dort gefragt, wer ich bin. Ich konnte einfach nur leben", sagt er. Das " Studio 54" am Broadway ist sein Ziel. In jener Zeit ist er der berühmteste Nachtclub der Welt, ein Symbol für geilen Sex und wilde Drogenexzesse, Partyort von Liza Minelli, Arnold Schwarzenegger oder Andy Warhol. Im sogenannten VIP-Raum bieten junge Männer in knappen Shirts und kurzen Höschen ihre Liebesdienste dem exklusiven Publikum an " Ich war jung und sah gut aus" sagt LaChapelle. Er wird Hilfskellner  im "Studio 54". Ich habe aber vor allem im VIP-Raum gearbeitet". 

Zwei Jahre danach ist er von seinem Traum. Fotograf zu werden, noch meilenweit entfernt. Der Vater kann ihn überzeugen, nach Connecticut zurück zukehren, die Schule mit einem Diplom in Kunst abzuschliessen. Danach kehrt er I986 nach New York zurück und knüpft da an, wo er ein Jahr zuvor aufgehört hat. Er arbeitet wieder als Prostituierter. Doch jetzt weiss er wofür. Er will Fotograf werden. "Um mir meine erste Kamera kaufen zu können, habe ich mir auf dem Strassenstrich der 53. Strasse einen blasen lassen“ Im “Studio 54“ arbeitet er wieder im VIP Raum. Nur wenige Monate vor dessen Tod 1987 trifft er hier in einer Nacht Andy Warhol. Er sieht seine Chance. Warhol ist Begründer von "Interview" und seit den 6oer·Jahren mit seiner Pop-An ein weltbekannter Künstler und lebende Geldmaschine. "Du bist so schön gebaut, du solltest Model sein" sagt Warhol zu ihm.  Dach LaChapelle geht auf solche Komplimente gar nicht ein. "Ich will für "Interview" fotografieren", antwortet er.

Der Künstler lädt den 18-Järigen in seine Factory, eine Künstlerkommune, ein LaChapelle zeigt einige seiner Fotos und darf bleiben. Heute betont er «Ich habe nie gefickt für einen Job. Nicht einmal mit Andy Warhol." Die Factory wird sein neues Zuhause. Bald publiziert "Interview" pro Ausgabe bis zu 30 Fotos von ihm. 

 Sein erstes Porträt ist eine Country. Western-Sängerin. "Ich erinnere mich nicht an ihren Namen. Ein fürchterliches Huhn!" Sie erhoffte sich ein glamouröses Shooting.

Doch LaChapelle hat seine individuellen Vorstellungen vom richtigen Foto. Er bestellt die Frau in seine ärmliche Wohnung und zwingt sie, die Feuerleiter hoch  aufs Dach zu steigen. Der Tag ist heiss, der Himmel blau, sie steht stundenlang im Bikini und bekommt einen Sonnenbrand. Die Wut, die Verzweiflung und die Sonnenstrahlen treiben ihr Tränen in die Augen. " Das fand ich grossartig“, erinnert sich LaChapelle “denn ihre neue Platte hiess ‘ When I Cry‘ ".  Seitdem arbeitet LaChapelle genau so. Er fragt sich: “Was will ich sehen? Was macht mich glücklich?“ seine Grundzutaten sind: Eine gute Idee, fantasievolle Dekors, grelle Farben, Scheinwelten, viel nackte Haut und noch mehr Sexappeal. Und eine Absonderheit auf jedem Bild. " Die Menschen hungern danach. Es sind die Nuancen, an die man sich erinnert.“ Einmal will er auf dem Bild einen Chihuahua zeigen. Doch der war wegen der Scheinwerfer und der vielen Menschen nervös und rannte immer weg. Nach einiger Zeit fragte David LaChapelle " Und wenn wir ihn am Fussboden festkleben?» Er macht es nicht, aber der Hund uriniert vor lauter Stress in die Staffage. Als Nuance die das Bild so besonders macht, bleibt eine Pipilache.

Seine gesammelten Werke aus zwanzig Jahren Arbeit hat er in den letzten drei Jahren ausgewählt, zusammengestellt und ins Buch "Artists and Prostitutes" eingebracht. Mit seiner Fotosammlung von Künstlern und Prostituierten scheint er einen Strich unter seine bisherige Arbeit ziehen zu wollen. Ob das mit seiner Liebe zusammenhängt? Seit dreieinhalb Jahren lebt LaChapelle mit dem Choreografen John zusammen. " Treu sein ist in der Welt der Kunst eine Herausforderung. Ich habe zu spät im Leben gelernt, dass Sex etwas Heiliges ist " sagt er.

LaChapelle weiss aber sehr gut, dass ihm erst die Prostitution den Weg zum Ruhm geebnet hat und diese ihn immer noch begleitet. "Eigentlich bin ich ein Prostituierter geblieben. Vor allem, wenn ich nur meinen Job mache". Ein Porträt von Hillary Clinton in deren Büro ist bezahlte Arbeit. Sonst nichts " Doch wenn ich inszenieren darf, wie ich will, dann fühle ich mich als Künstler. Das ist ein Privileg". Mit seinem Dokumentarfilm "Rize" über eine Tanzbewegung aus den Schwarzen Vierteln von L.A., hat LaChapelle neben der Fotografie einen neuen künstlerischen Ausdruck gefunden. Beim Sundance-Film· fest in Park City, Utah, hat er das Werk 2005 präsentiert. In Zukunft will er da weitermachen und Filme und noch mehr Musikvideos als jetzt schon drehen. Irgendwie bleibt damit alles beim Alten: Er und die Stars sind weiterhin auf Tuchfühlung.

Text Stephanie Ringel

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