Hannoversche Allgemeine March 3, 2011

Der US-Fotograf David LaChapelle will die „Vergänglichkeit des menschlichen Lebens“ zeigen: Zehn großformatige Fotoarbeiten der Serie „Earth laughs in Flowers“ hängen in der Kestnergesellschaft in Hannover.

Ha – da ist Paris Hilton! Sie trägt ein knappes Negligé, wallendes Haar und betrachtet sich im Handspiegel. Und da wir uns in einer Ausstellung des US-Fotografen David LaChapelle befinden, ist das ja auch kein Wunder. LaChapelle, der Promifotograf. Madonna, Jacko, Lady Gaga. Grellbunt, ikonenhaft, überhöht, an berühmte Vorlagen aus Kunst und Religion angelehnt. Unvergessen: Courtney Love in Mariengestalt mit dem sterbenden Jesus Cobain im Arm.

Aber hier? Paris Hilton ist zwar in angemessener Gesellschaft, auf der riesigen Fotoinstallation „Decadence“ in der Kestnergesellschaft tummeln sich neben ihr nackte und schlemmende Menschen zwischen kopulierenden Goldschweinen, dicken Limousinen, Gold, Prunk, Schreinen, Torten und wilden Tieren. Aber – außer Hilton keine Prominenten weit und breit. Man wird sie in dieser Ausstellung auch sonst nirgends finden. Denn LaChapelle erfindet sich bei seiner ersten großen Einzelausstellung in Deutschland neu. Wenigstens ein bisschen. Er macht jetzt in Stillleben. Aber – wo ist er eigentlich?

Der Künstler sei noch im Hotel, aber er werde gleich erwartet, heißt es bei der überfüllten Pressekonferenz. Fotografen und Kamerateams scharen sich um einen freien Hocker. Wer ist hier eigentlich der Popstar? Die Vorstellung der Ausstellung von Julian Göthe wird vorgezogen, einem Berliner Künstler, der in dieser Doppelausstellung immerhin die gesamte obere Etage bespielt. Aber plötzlich wird’s unruhig im Saal, denn LaChapelle hält Einzug. Das Haar ein wenig wirr, schwarze Lederjacke, Sportschuhe. In seinem Hofstaat fällt eine Dame mit teurer Großraumsonnenbrille auf, die ihre Streichholzbeinchen auf Schuhen bewegt, die zwar hohe Plateausohlen haben, aber keinen Absatz. Faszinierend. Getuschel bei den Kunstfreunden: Wie läuft man auf den Dingern? Blitzlichter zucken, Kameras klicken. Armer Julian Göthe.
Ausstellung von David LaChappelle in Hannover

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Also Stillleben. David LaChapelle will die „Vergänglichkeit des menschlichen Lebens“ zeigen, wie er mit Engelsgeduld in Radiomikrofone und Fernsehkameras sagt. Zehn großformatige Fotoarbeiten der Serie „Earth laughs in Flowers“ hängen in der Kestnergesellschaft, ach was, sie springen einen an. Denn obwohl sich der 47-Jährige im Farbduktus an den alten Meistern orientiert, haben seine Bilder etwas Grelles, LaChapelle-typisches. Schreiende Stillleben. Im Zentrum eine Blumenvase mit blühenden, aber auch welkenden Blumen, drumherum Utensilien der Wegwerfgesellschaft, Plastik, Magazine, Medikamente, Masken, Wackelpudding, Sexspielzeug. Schocken habe er die Betrachter seiner Bilder nie wollen, sagt er. Aber überfordern, das ist Teil seines Programms, der Überfluss des Überflusses. Dazu Symbolik mit dem Holzhammer, Kerzen, Spiegel, Diamanten, Uhren angebissene Früchte. Metaphorik zum Mitraten.

Wem das nicht reicht, der kann bei LaChapelles zweiter Serie gleich weitermachen: In „Jesus is my Homeboy“ aus dem Jahr 2003 hat er ebenfalls großformatig biblische Szenen mit Menschen von der Straße an Alltagsorten nachgestellt. Alles ganz normal – bis auf die klassische Darstellung der Jesusfigur mit leuchtender Aura. Leonardo trifft Jesus Christ Superstar. Ist das nun Inspiration? Interpretation? Vielleicht sollte sich Karl Theodor zu Guttenberg die Ausstellung besser nicht ansehen. LaChapelle selbst ist als Inspirationsquelle übrigens weniger freizügig. Zurzeit führt er Klage gegen Popstar Rihanna, der er vorwirft, in einem Musikvideo seine Fotos nachgebaut zu haben.

Wer sich von der quietschbunten Sinnesüberreizung der LaChapelle-Arbeiten lösen kann und die Treppe ins Obergeschoss nimmt, landet auf den ersten Blick in einer anderen Welt. Julian Göthes Arbeiten sind – und dieser Kontrast ist ein ebenso einfacher wie gelungener – schwarz-weiß. Und mit Kontrasten geht es munter weiter. Der 44-jährige Berliner stellt detaillierten Wandcollagen wuchtige, schwarze Rauminstallationen gegenüber, die in ihrer klaren Formensprache auch klare Bedeutung suggerieren. Aber ist das wirklich so? „Verrat“ heißt eine Skulptur, große Figuren, die einem monumentalen Deko-Schachspiel entnommen sein könnten. Oder ist das Möbeldesign? Oder stammt das gar aus einer Filmkulisse? Immerhin ist der Mann auch in der Trickfilmbranche unterwegs. Und was haben Karl-Heinz Rummenigges muskulöse Fußballerbeine damit zu tun, die in einer Bildcollage zu sehen sind?

Je länger man zwischen den rätselhaften Klarheiten Göthes wandelt, desto mehr fällt einem die feine Ironie auf, mit der sich der Berliner – wie der bunte Hund LaChapelle eine Etage tiefer auch – an der Wegwerfgesellschaft abarbeitet. Oder sich vielmehr über sie amüsiert. Göthe hat zum Beispiel ein neues Alphabet erfunden und präsentiert es in einer kunstvoll gestalteten Bilderreihe. „Die Zeit geht voran, und Dinge ändern sich in meiner Welt. Dies ist ein neues Alphabet für die Kinder meiner Generation“, steht da lapidar, und dann geht’s – in englisch – los: A steht für „anything“, B für „bionic and Bach“. H steht für „Hijacking“ (Entführung) . Und „I“ steht für ein „kingsize ego“.

Wem Göthes Arbeiten zu farblos sind, der geht einfach wieder nach unten und nimmt noch ein Bad in LaChapelles Opulenz. Und wenn nicht: Am Ausgang wartet auf jeden Fall Paris Hilton.

By Uwe Janssen

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