Frankfurter Allgemeine June 16, 2013

Der Tod der Kunst

Der Fotograf David LaChapelle über schwierige Stars, schlechten Geschmack und darüber, wie er einen Ohrring von Paloma Picasso zu Geld machte.

Ist es wahr, dass Sie wegen Madonna aufgehört haben, für die Welt von Popstars, Magazinen und Mode zu arbeiten?

"Ich wollte sowieso damit aufhören, aber es gab so ein Vorkommnis mit ihr, das ein bisschen geholfen hat."

Sie sollen, was vermutlich nur wenige Leute auf der Welt jemals getan haben dürften, mitten in einem Telefonat mit ihr einfach aufgelegt haben. Was war passiert?

"Sie hat mich angebrüllt, und ich wollte nich angebrüllt werden. Ironischerweise arbeiteten wir damals gerade an ihrem Video “Hung up”, für das sie mein Treatment benutzte. Madonna ist in der Zusamdas erste Mal in meiner Karriere, dass ich Nein gesagt habe, das war win großer Schritt für mich, extrem befreiend."

Sie verstehen sich seither als Künstler und stellen Ihre Werke in Galerien aus. Ihre letzte Serie wirkt da wie eine Art ironische Rache: Bilder der abgeschlagenen Köpfe von Stars, darunter der von Madonna…

"Nein. Rache liegt mir nicht. Ich bin kein rachsüchtiger Mensch. Und ich habe ja Verständnis für Madonna. Es ist nicht einfach, 35 Jahre lang ein Superstar zu sein. Dafür hat sie meinen vollen Respekt. Und ich habe die Köpfe ja auch nicht abgeschnitten. Ich habe sie nur fotografiert. Außerdem sind die Köpfe aus Wachs."

Das Wachsmuseum in Dublin war 2007 verwüstet worden – Sie haben Fotos von den zerstörten Figuren gemacht. Cameron Diaz mit abgeschlagenem Arm, Orlando Bloom mit zertrümmertem Gesicht, lauter Köpfe berühmter Persönlichkeiten in Kartons. Was wollen Sie damit erzählen?

"Ich war in Dublin, und mein Freund is der Besitzer des Wachsmuseums, und er sagte, das müsse ich mir ansehen. Und das sah so verrückt aus – diese abgetrennten Gliedmaßen und Köpfe. Ich fand, das erzählt etwas über die Zerbrechlichkeit und Ersetzbarkeit von uns Menschen. Und auch darüber, wie die Gesellschaft Stars groß macht und dann fallen sehen will. Und darüber, wie besessen wir heutzutage von Jugend sind. Wenn Stars älter werden und Falten bekommen, zeigen all emit dem Finger auf sie. Und auch Wachs altert, auch im Wachsmuseum werden die Alten aussortiert. Wie wir mit Stars umgehen, sagt viel über unsere Gesellschaft."

Sie sind bekannt geworden mit opulent inszenierten Star-Porträts – sehr viel Pink, die Personen bis zur Unkenntlichkeit auf Hochglanz getrimmt, überladene Dekorationen. Beleidigt es Sie, wenn manche Leute sagen, das sie Kitsch? Oder gibt es für Sie so etwas wie schlechten Geschmack gar nicht?

"Doch, klar. Geschmack ist das, wodurch wir uns von anderen unterscheiden wollen. Ichh fotografiere gerne, was macnche für schlechten Geschmack halten, um das Urteil darüber zu verändern. Um schlechten Geschmack in guten zu verwandeln. Mir gefallt die Idee, dass Leute sich Bilder von Dingen, auf die gerner herabgesehen wird, kaufen und in Häuser hängen, die 20 Millionen Dollar kosten. Oder in Museen. Ist es dann noch schlechter Geschmack, wenn es im Museum hängt? Das ist doch interessant, wenn Kunst verändern kann, wie etwas gesehen wird: Ich mag, was Truman Capote gesagt hat: Guter Geschmack ist der Tod der Kunst."

Auf Ihrer Website heißt es, Sie seien bekannt für Ihr “außergewöhnliches Talent, eine einzigartige hyper-realistische Ästhetik mit profunden gesellschaftlichen Botschaften zu verbinden”. Nehmen wir zum Beispiel mal das bekannte Foto, das Sie von dem Rapper Tupac Shakur gemacht haben. Er liegt darin in einer Badewanne. Wo ist hier die profunde gesellschaftliche Botschaft?

"Zunächst mal habe ich diesen Text ja nicht geschrieben, der stammt von einem Kurator. Aber gut. Tupac Shakur habe ich deshalb in einer Badewanne porträtiert, weil er in jener Woche aus dem Gefangnis entlassen worden war. Er hatte ein sehr ehrliches Interview gegeben, in dem er sich wirklich bis auf die Seele entblößt hat. He came clean, er machte reinen Tisch. Deshalb die Badewanne."

Aha. Und waren Ihre Porträts denn jemals wirklich hyper-realistisch, wie es in diesem Text heißt? Waren sie nicht vielmehr das Gegenteil – hyper-unrealistisch, hyper-künstlich?

"Hyper? Ja. Realistisch? Fotografie ist Realismus. Also bedeutet das, dass ich mich des Realismus bediene und ihn übertreibe. So gesehen stimmt est doch."

Die Schauspielerin Mira Sorvino hat sich mal darüber beklagt, dass Sie Fotos von ihr am Computer extrem nachhearbeitet hätten.

"Wir hatten vereinbart, Bilder zu machen, die auf dem Buch “Hollywood Babylon” basieren. Und Mira Sorvino war als Joan Craford gebucht. Sie kam vier Stunden zu spat und war so betrunken von Chapagner, dass sie in ihrem Trailer vom Stuhl fiel. Das ist das Problem daran, mit Stars zu arbeiten, wissen Sie. Und auf einmal entschied sie, dass sie nicht Joan Crawford machen wolle, sondern Marlene Dietrich. Abe rich mache keine Schnappschüsse, bei meinen Fotos ist extrem viel Planung und Vorabeit investiert. Wir hatten all diese Kleider von Thierry Mugler besorgt: großer Hut, breite Schultern, eindeutig Joan Crawford. Also habe ich irgendwann gesagt, okay, du bist Marlene Dietrich. Und dann haben wir sie nichsdestotrotz in das Joan-Crawford-Outfit gesteckt und das Foto dann digital so nachbearbeitet, dass es der Szene aus “Mommie Dearest” entsprach, die wir nachstellen wollten."

Und dann wurde sie sauer.

"Sie flippte total aus. Sie hat versucht, meine Karriere zu ruinieren, sie verwandelte sich regelrecht in Joan Crawford. Damals, lange her, war sie bei einer ziemlich einflussreichen Agentur unter Vertrag. Die haben eine richtige PR-Kampagne gegen mich gemacht. Irgendwann hat dann die “New York Times” eine Story über diesen ganzen Vorfall gemacht, danach hat keiner mehr was gesagt. Und was wurde aus Mira Sorvino? Ich glaube, vor drei Jahren hat sie mal einen Fernsehfilm gemacht. Jeder hatte mich vor ihr gewarnt, Mark Wahlberg, andere – tu es nicht, sie ist ein Albtraum. Manchmal sollte man vielleicht auf andere hören."

Selbst Menschen, die Ihren Namen nie gehört haben, kennen sehr wahrscheinlich Sachen, die Sie gemacht haben. Etwa das Musikvideo, in dem Christina Aguilera in einem Boxring tanzt; oder das Bild von Courtney Love, die einen Jesus im Arm hält, der aussieht wie ihr verstorbener Ehemann Kurt Cobain. Oder das Coverfoto von Keith Richards’ Autobiographie “Life”. Oder Ihre Fotos von Paris Hilton. Was, würden Sie sagen, war Ihr wichtigster Beitrag zur Popkultur?

"Weiß ich nicht."

Sie haben auch Lady Gaga oft fotografiert. Und der früben Britney Spears das Image einer Lolita verpasst, mit dem sie berühmt wurde. Besprechen deren PR-Leute mit Ihnen, wie die gezeigt werden sollen, oder denken Sie sich das alleine aus?

"Die Ideen und Szenarios kommen von mir. Die Stars wissen auch vorher gar nicht, was ich vorhabe, die kommen einfach ins Studio und lassen sich überraschen. Schausplieler und Popstars spielen gerne Rollen und krigen gerne gesagt, was sie tun sollen. Ich gebe viele Anweisungen während eines Shootings."

Leonardo DiCaprio hat Sie einmal gebeten, ein Foto, das Sie von ihm gemacht hatten, niemals zu veröffentlichen. War das so gewagt?

"Na ja. Er hielt halt drei Bananen."

Wie kriegen Sie Leute dazu, Ihnen so zu vertrauen, dass sie vor Ihrer Kamera Dinge machen, die sie hinterher vielleicht bereuen?

"Die wissen, dass ich nicht subversiv bin. Dass ich nicht versuchen werde, ein schlechtes Foto von ihnen zu machen oder mich über sie lustig zu machen. Ich würde sie nie mit einem Pickel zeigen – bei mir sehen sie aus wie Stars, wie Superhelden, ich will ihre Schönheit und ihr Talent feiern. Ihre Körperlichkeit. Stars sollten größer als das Leben sein – und die fühlen, dass ich sie dazu machen will."

Ihr Werdegang im Schnelldurchlauf: 1963 in einer Kleinstadt in Connecticut geboren, mit 15 Jahren von zu Hause weggelaufen und nach New York gegangen; im “Studio 54” als Gläserabräumer angeheuert. Kunstschule besucht, zu fotografieren begonnen, Andy Warhol getroffen. Der stellte Sie als Fotograf für sein “Interview” – Magazin an. War diese Epoch in New York wirklich so aufregend, wie es immer heißt?

"Ja. Das “Studio 54” war grandios. Der Film wurde ihm nicht gerecht. Disco war eine tolle Musik, so glücklich. Alle haben getanzt, es war nie zu voll, sie haben nie zu viele Leute reingelassen, man konnte immer gut gucken, was die Leute anhatten. Es war wirklich glamourös, alle haben sich Mühe gegeben, irgendwie besonders auszusehen, jeder hatte seinen eigenen Stil. All die berühmten Models und Stars waren da."

Was hatten Sie beim Gläserabräumen an?

"Wir mussten Shorts tragen. Shorts, Socken und Schuhe."

Stimmt es, dass Sie sich Ihre erste Kamera von dem Geld gekauft haben, das Ihnen der Verkauf eines Ohrrings eingebracht hat, den Sie auf der Tanzfläche vom Studio 54 gefunden hatten? Und dass Sie spatter herausfanden, das ser Paloma Picasso gehört hatte?

"Oh mein Gott, ja. Es war ihre Party, aber ich wusste nicht, dass sie es war, die einen Ohrring verloren hatte. Das habe ich erst spatter herausgefunden, weil eine Freundin von mir bei “Tiffany” arbeitete. Jedenfalls, es war Paloma Picassos Party, aus Kanonen wurde weißes Konfetti gefeurt, und während ich die Gläser abräumte, sah ich diesen Ohrring auf dem Boden liegen. Ein Riesiges Teil mit Diamanten. Der Tellerwäscher, der nineinbiss, meinte, er sei wertlos. Er sah auch aus wie Modeschmuck, viel zu groß. Ich hab’ihn trotzdem eingesteckt und bin ein paar Tage spatter damit in den Diamantendistrikt gegangen, und wie der Typ mich da ansah, als ich ihm den Ohrring zeigte, da wusste ich gleich, dass der etwas ert war. Er hat mir 17,000 Dollar dafür gegeben. Ich hab’ meinen Job gekündigt, hab’ mir eine Kamera gekauft und ein Fahrrad. Also, falls Paloma Picasso das jetzt liest – es tut mir leid, ich wusste nicht, dass es dein Ohrring war, sonst hätte ich ihn zurückgegeben. Aber sie hat mir geholfen, meine ersten Bilder zu machen."

Was fasziniert Sie eigenlich so an Stars?

"Ich habe glamouröse Sachen immer geliebt. Das “Studio 54” und so weiter, ich mochte das. Ich mag schöne Menschen, talentierte Menschen, Schauspielerinnen wie Farrah Fawcett, die sind so hübsch, dass es einen glücklich macht, sie anzugucken. Garbo, Dietrich, Angelina Jolie, Brad Pitt – es ist ja kein Zufall, dass all unsere Filmstars schön sind. Ich mag lieber Sachen, als sie nicht zu mögen, das macht das Leben einfacher. Ich bin ein Fan. Ich mag es, zu mögen."

Sie haben sich ein bisschen zurückgezogen, betreiben in Hawaii einur gelegentlich noch Webespots, wie etwa jüngst mit Uma Thurman für Schweppes. Würden Sie zustimmen, dass die Bildsprache, die Sie geprägt haben, dieses extrem Übertriebene, Tiel einer Ära ist, die heute vorbei ist?

"Nein. Nicht für mich. Für mich wird diese Ära nie vorbei sein."

David LaChapelle’s Ausstellung “Still Life” ist noch bis zum 27. Juli in der Galerie Daniel Templon in Paris zu sehen, 30 Rue Beaubourg.

Interview by Johanna Adorján

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