Berliner Zeitung July 21, 2013

Aus Kennedys Haupt quillt ein Glasauge, Cameron Diaz hat beide Arme verloren, Michael Jacksons Gesicht ist zerkratzt. Der Starfotograf David LaChapelle der bisher der Schönheit diente, inszeniert jetzt Stars und Heilsbringer in ihrer Vergänglichkeit.

David LaChapelle, das ist doch dieser Werbe- und Modefotograf, der sie alle vor die Kamera kriegt. Ob Mariah Carey, Naomi Campbell, Britney Spears, David Beckham oder Keith Richard: Der Amerikaner hat sie alle abgelichtet. Er war der letzte, der Andy Warhol fotografieren durfte, eine Woche vor dessen Tod. LaChapelles Bilder mögen noch so kitschig, noch so skurril sein. Wenn er die Prominenz zum Fototermin bittet, kommt sie auch.

Aber vielleicht will er sie ja nun nicht mehr herbeibitten. Seine jüngsten Fotoserien „Still Life“ und „Last Supper“ wecken Zweifel. Eine Kehrtwende deutet sich an. Gewiss, der mittlerweile 50-Jährige hat auch diesmal zur Kamera gegriffen. Die in der Pariser Galerie Daniel Templon ausgestellten Bilder amputierter Gliedmaßen und malträtierter Schädel von Politik-, Show-Business- und Bibelhelden sind Werke eines Fotografen. Aber sie sind eben noch viel mehr. LaChapelle hat sich diesmal auch noch als Collage-Künstler betätigt, als Regisseur, als Totengräber.

John F. Kennedy ist zu erkennen. Er scheint bei einem Unfall einen Schädelbasisbruch erlitten zu haben. Aus dem gespaltenen Haupt quillt ein Glasauge. Daneben liegt die Hand des einstigen US-Präsidenten, verstümmelt. Den anderen Protagonisten ist es kaum besser ergangen. Cameron Diaz hat beide Arme, Madonna sämtliche Finger verloren, Lady Di deren zwei. Michael Jackson immerhin scheint mit Schürf- und Platzwunden davongekommen zu sein.

So zerstört sie alle freilich auch anmuten, die sonst so makellos daherkommen, blieb ihnen ein Stück ihrer Aura erhalten. In Augen, Haaren, Haut schimmert ein Rest von Ruhm und Schönheit. Mehr als ein Abglanz ist es indes nicht. Wunden, Verstümmelungen dominieren. Um Vergänglichkeit geht es. LaChapelle trägt mit „Still Life“ den ihn bisher beschäftigenden Glamour spektakulär zu Grabe.

Was der Künstler dazu brauchte, fand er in Dublin. Vandalen hatten dort ein Wachsfigurenkabinett überfallen. Zurück blieb ein Figurenfriedhof – für LaChapelle eine fantastische Fundgrube. Selbst die Wellpappe, als dezenter Fotohintergrund eingesetzt, stammt von dort.

„Anstatt mit Photoshop hat der Amerikaner mit der vorgefundenen Wirklichkeit gearbeitet, er hat sie gestaltet“, erzählt Victoire Disderot, Sprecherin der Galerie Daniel Templon. Er habe inszeniert, bevor er auf den Auslöser gedrückt habe, nicht hinterher.

Während LaChapelle Madonna und Co. freilich in kruder Kaputtheit zeigt, ließ er gegenüber Jesus und seinen Jüngern Milde walten. „Last Supper“ sind Fotocollagen von anrührender Schönheit. Sie beeindrucken umso mehr, als man ahnt, dass die wächsernen Originale ziemlich kitschig gewesen sein dürften. Schon die offenbar gottesfürchtigen Museumseinbrecher hatten gegenüber den Teilnehmern des Abendmahls wohlwollende Zurückhaltung an den Tag gelegt. Die Gesichter der Apostel sind intakt geblieben. LaChapelle hat sie so gruppiert, dass sie einander lebhaft zugewandt sind, Da Vincis „Ultima Cena“ vor Augen.

Welten liegen zwischen diesem Werk und den schrägen, bonbonbunten Bildern eines Models oder Stars in den Magazinen Vanity Fair oder Rolling Stone, die LaChapelles Ruhm begründeten. Nicht einmal die Preise sind die alten. Sie sind gestiegen. Für einen Apostel heißt es 60.000, für Kennedy, Diaz oder Madonna 80.000 Dollar hinzublättern.

„Ich wollte nie Künstler sein, das ist mir zu intellektuell“, hat LaChapelle einmal gesagt. Jetzt will er es offenbar doch.

Von Axel Veiel

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