Berliner Illustrirte December 3, 2006

RISSIG, DRECKIG, SCHLAMIP

David LaChapelle barocke Fotografien werden in der Berliner Newton-Stiftung gezeigt. Erklären kann man die Bilder eigentlich nicht. Hier versucht er es trotzdem.

Berliner Illustrierte Zeitung: Mr. LaChapelle, Ihre erste große Ausstellung in Deutschland zeigt rund 40 Fotos von Celebrities als Pamela Anderson, Marilyn Manson, und Christina Agujlera'; welches ist Ihr persönliches Lieblingsbild?
David LaChapelle: Die Pietà, die ich mit Courtney Love inszeniert habe. Das Bild findet sich auch auf dem Cover des zugehörigen Buches zur Ausstellung: "Heaven and Hell".

Was macht ein perfektes Foto aus ?
Für mich entsteht Perfektion durch die Schwächen, die ein Bild behalten darf. Das macht sie menschlich.

Menschlich?
Ja! Die Schlampigkeit, die Dreckigkeit und die Risse in der Fassade sind schön. Ich lasse diese Kulissen aufwendig herstellen, ich denke lange über den perfekten Hintergrund eines Motivs nach. Trotz aller Künstlichkeit und Ausgedachtheit sind sie aber trotzdem wirklich und da - keine Computersimulation, keine Retusche, keine Illustration. Ich lasse dies alles bauen, dann fotografiere ich es, mache ein Dokument daraus: für einige Stunden hat das alles hier tatsächlich stattgefunden.

Wahnsinn! Sprechen wir doch über dieses halbahgebrannte Haus auf dem Foto hinter Ihnen - oder war das nach dem Hurricane Katrina?
Das war noch vor Katrina! Die Zeitschrift, für die ich das Foto gemacht habe, kam ironischerweise an dem Tag in den Handel, als Katrina gerade New Orleans verwüstet hatte.

Haben Sie die Katastrophe vorausgesehen?
Ich wollte nur einen psychotischen Augenblick in Szene setzen.

Psychotisch?
Psychotisch: Die italienische ‘Vogue’ wollte von mir eine Modestrecke zu diesem Thema haben. Mir fielen dazu die Verwüstungen durch Wirbelstürme ein. Wir haben das dann im Juni letzten Jahres produziert. Katrina, die echte, kam, wie gesagt, erst hinterher.

So prophetisch kennt man Sie bisher noch gar nicht.
Das Problem der Erderwarnung nimmt dramatisch zu - und wir kümmern uns weiterhin bloß darum, wo wir unsere Luxusprodukte einkaufen konnten, welcher Prominente gerade mit wem und so weiter....nichts dagegen! Aber wir vergessen dabei, dass unsere Welt trotzdern den bauch hinuntergeht. Das Einkaufen ist uns wichtiger: Hundtaschen und so weiter - ist ja auch menschlich.

Warum zischen Sie Prominente den unbekanntenen Modellen vor?
Ich war die letzen 15 Jahre lang wirklich besessen von Popkultur in jeder Form. lch habe alles dokumentiert, die Protagonisten, den Lifestyle, die Hasslichkeiten and das Schone daran. Und ich wurde dabei zu einem Teil dieser Welt. Ich habe diesen Lifestyle gelebt total.

Was kommt dann jetzt?
Ich bin fertig damit. Ich bin nicht mehr länger interessiert an Celebrities und Popkultur.

Fotografieren Sie ab jetzt in Schwarzweiss werden Sie Reportage machen?
Das Dramatische und Epische, meine Leidenachaften und mein Wahn werden meine Arbeit bestemmen. Ich werde nicht mehr langer für Zeitschriften arbeiten und die Bilder dann irgendwann in Museen ausstellen. Von nun an arbeite ich gleich für die Galane. In den Magazinen landen die Arbeiten ja dann ohnehin - weil sie von mir sein werden, weil die Redaktionen meine Bilder brauchen.

Sie wollen als Künstler wahrgenommen werden?
Ich will ein Kommentator sein, wie Richard Prince. Ich habe die letzten 15 Jahre in Flugzeugen verbracht. Ich hatte ein verrücktes Leben!
Damit bin ich jetzt durch die Bilder, die Sie hier sehen, sind aus freien Stucken entstanden. Sie sehen hier meine Welt der Ideen. Keine Werbung kaum Redaktionelles. Ich wollte immer schon der Bücher veroffentlich haben. Nun ist das dritte draußen, die Trilogie ist komplett Ich könnte weitermachen, noch mehr Geld verdienen , aber das bin nicht ich.

Woran haben Sie erkannt, dass nun Schluss sein muss mit den Celebrities?
Paris Hilton. Ich kenne sie seit Kindstagen. Aber für mich symbolisiert sie etwas...

Die Perfektionierung des Systems?
Ach, ich liebe die plastische Chirurgie! Ich liebe die Hohlheit und die Oberflächlichkeit ! Ich liebe die Kontaklinean, das nathlose Solarienbraun und die Haarteile!

Trägt Paris Hilton etwa Haarteile?
Jeder trägt heute Haarteile.

Ich nicht.
Jeder bis auf Sie.

Sie etwa?

Nein. Also jeder bis auf uns beide, gob gesagt. Aber in Hollywood sieht man es überall, and ich mag es auch sehr.

Karl Lager hat hier vorige Woche seine große Ausstellung eröffnet: 350 Fotografien eines Mannes, den er über die letzten drei Jahre begleitend hatte- Ist das etwas für Sie?

Karl Lagerfeld ist ein Dilettant. Er hat der Geschichte der Fotografie nichts Neues hinzuzunfügen. Der einzige Grund, weshalb Lagerfeld in "Vogue" oder sonstwo gedruckt oder in Berlin ausgestellt wird, weil Chanel ein Größer Anzeigenkunde ist. Jeder meiner Praktikanten hat mehr Talent als er. Ich nehme mir ja auch keine Trompete und behaupte nun, wie Miles Davis zu spielen- dem muss man sich ein Leben lang ausschließlich widmen!

Sie werden hier im Haus der Helmut Newton- Stiftung ausgestellt, nebenan eröffnet heute eine Ausstellung von James Nachtwey - spüren Sie eine Verbindung zu einem dieser beiden?

Das sind große Fotografen. Newton hat die Fotografie revolutiolert! Er war besessen. Und er hat es gelebt. Er, und Richard Avedon, haben mich dazu inspiriert, Fotograf zu werden! Und ob man Newton nun mag oder nicht: Er hat der Geschichte der Fotografie wirklich etwas hinzugefügt.

Da Sie nun Hollywood den Rüchen kehren : Ziehen Sie weg aus den USA - vielleicht ins inspirierend andere Berlin?
Nein. Ich ziehe nach Hawaii. Ich habe mir dort ein Haus mit 20 Hektar Grund gekauft, eine ehemalige Nudistenkolonie. Man kann dort aber immer noch nacht berumlaufen - wenn man das will. Meine Freunde kommen alle mit mir. Es gibt keinen Stromanschluss , alles ganz schlicht; und sehr, sehr weit weg von Hollywood.

Das Gespräch führte Joachin Bessing

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