Photo International November 20, 2014

Kreative Energie

David LaChapelle fotografierte Ölraffinerien und Tankstellen aus Plastik- und Alumüll. Er warnt vor unserem ungebremsten Rohstoffverbrauch.

Von Holger Christmann

Mitten im Nordpazifik schwimmt auf einer Fläche von der Größe der Türkei oder des amerikanischen Bundesstaates Texas das Schand-mal unserer Zivilisation. zo Millionen Kilo Plastikmüll dre-hen sich langsam im Kreis und reisen Meerestiere in den Tod, die ihmin die Fänge kommen: Mee resschildla öten und Wale verheddern sich in Plastikschlingen, Fische und Vögel verwechselndie bunten Re ste von Schraubverschlüssenund Tubendeckeln mit Nahrung und verenden qualvoll. Fünf sol-cher Müllstrudel wurd.e n inzwi schen auf den Weltmeerenge-sichtet, zwei im Patfik,zwei imAtlantik, einer im Indischen Ozean.

Als der amerikanische Fotograf David LaChapelle vor drei Jahren auf die Idee kam, Modelle aus Plastikmüll, Alumini-umlosen und anderen Abfallprodukten unserer Zivilisation zu bauen und sie zufotografieren, dachte er zwar nicht kon-kret an den Plastikmüll im Meer. Er wollte der industriellen Produktion ein Denkmal setze n,e in zweid.eutige s zwar, aber keines, das vorschnell wertet. Jeden Tag verwenden wir, ohne darüber nachzudenken, industriell hergestellte Kunst-stoffprodukte. Wir denken weder darüber nach, wo diese Behälter enden noch darüber, dass für deren Produktion Öl benötigt wird. „Öl ist der Treibstoff unserer Industriegesell-schaft", sagt der Künstler. LaChapelle be schloss, Tankstellen als Mini aturmod.e lle nachzubauen und zufotografieren. Ein Spaziergang in den tropischen Wäldern von Maul/Hawaii, wo er seit Jahren lebt, inspirierte ihn zu einer Bildidee. Mit-ten im Dschungel stand er plötzlich vor einem Tempel, und diesen Anblick fand er so eindrucksvoll, dass er beschloss, die Tankstellen in der Wildnis des Dschungels in Szene zu setzen. Für ihn sind Tankstellen tempelartige Monumente des Industriezeitalters. „Sie geben uns unser täglich Brot", sagter in Anlehnung an einchristliches Gebet.

Gemeinsam mit Freunden sammelte er Getränkedosen, Haarföns und Lockenwickler, alte Mobilfunkgeräte und ihre Ladegeräte, Kopfhörer und Verpackungen aus Pappe - „ all diese Dinge, die zwar vom Material her unverwüstlich sind, aber dennoch nur für den kurzen Gebrauch bestimmt", so LaChapelle.

Ausdiesen Gegenständ.en baste lte er Tankstellenmodelle. Um seine Hommage an das Ölzeitalter zu vervollständigen, baute er ein Jahr später auch Raffinerien nach. Die rie sigen Ölfabriken, die bei Nacht verführerisch leuchten, faszi-nierten ihn schon als Kind. Sie sahen aus wie futuristische Schlösser aus „Magic ICingdom", doch die Eltern belehrten ihn,dass darin kein gütiger ICönigherrsche. Der Nachbauder Ölfabriken war jedoch aufwendiger, und David LaChapelle nennt sich„ sehr d.e tailverliebt". Er bat Freunde in Hollywood, ihm zuhelfen. Auf seinen Fotos aßen leuchten diese kalten Märchenschlösser der Gegenwart nun in der Nacht so verlo-ckend wie damals. Manmuss zweimalhinschauen, um zuer-kennen, dass sie unecht sind. „Das war mein Ziel", verrät er. „Wir sehen heute so viele Dinge. Wir schauen reist nur noch flüchtig hin, schon abgelenkt vom nächsten visuellen Reiz. Ich brauchte diese optische Illusion, um sie zu erwischen. Man denkt, man sieht eine Sache, aber es ist eine andere. So bekomme ich Zugang zu ihrer Zeit."

Es gab eine Zeit, da war der Warhol-Schüler der grellste Mode- und Celebrityfotograf der westlichen Hemisphäre. Seine Lollipop-farbigen Glamourbilder der Naomis,Mariahs, Brite ys und Whitneys wurd.en zu Ikonen. LaChapelle drehte Musikvideosfür Jennifer Lopez, Christina Aguilera und Eltai John. Er wurde selbst zum Star. Doch die Mode -, die Film-welt und heute die Kunstszene, das sind für ihn „Nische n d.er Gesellschaft", die ihm schon immer zu eng waren. Die zs Jahre in der Welt des Glamours nennt er seine „Lehrzeit". „Ich lernte ,wie man mit Bildern kommuniziert."

Dann hinterfragte er das alles: Er zog nach Hawaii, be-gann dort, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben und dachte über den Sinndes Lebensnach. Er lebe „ offthe grid", sagt er - unabhängig von öffentlicher Energieversorgung. Den „Peak Oil" -denvermuteten Gipfel der globalen Förde-rung, der das Ende des Ölzeitalters einläutet, dessen Datum jedochniemand kennt - siehter als Synonym für unsere Zeit. „Wir haben in allemden Peak erreicht: beim Öl, beim Bevöl-kerungswachstum, sogar in d.e r Pornographie." Er fordert ein Umdenken. „Jeder Reiche sollte heute eines seiner Häuser mit Solarenergie betreiben." Einen Weggefährten fand er un-längst in dem Umweltaktivisten Paul Watson. Der kanadi-sche Kapitänerlebte alsjunger Mann den stetigen Rückgang der Meerestiere und gründete in den 197oer Jahren die Umweltorganisation Sea Shepherd Conservation Society. Seither stellte er sich mit seinem Schiff Walfängern und Haiflossenj ägern in den Weg. „Er besuchte mich in meinem Studio, und wir führten ein stundenlanges faszinierendes Ge-spräch, auch über die Zukunft der Meere.' Für den Katalog zu „ LandScape- so nennt LaChapelle seine Raffinerien-Serie - verfasste der Ökokrie-ger das Vorwort. LaChapelle unterstützt gemein-sam mit anderen Prominenten wie dem Popsän-ger Pharell Williams, David de Rothschild, dem Künstler Tom Sachs und dem Galeristen Julian Schnabel Watsons Ökoinitiative Parley. Die Orga-nisation hat sich der Rettung der Meere verschrie-ben. Sie schlägt Alarm, dass in zehn Jahren die ICarallenritte der Erde zerstört seien undin3o Jah-ren sogar die kommerzielle Fischerei an ihr Ende komme.

LaChapelle wünscht sich angesichts solcher Prognosen vor allem eins: Dass seine Bilder von möglichst vielen Menschen gesehen werden und nicht nur den privaten Sammler zum Nachdenken anregen. „Ich war schon immer überzeugt, dass Kunst die Welt verändern kann. Daran glaube ich bis heute."

David LaChapelle
LandScape
Galerie Daniel Templon,
30 Rue Beaubourg Paris
bis 23. Dezember 2014
www.danieltemplon.com

Informationen über die
Umweltinitiative Parier
www.parley.tv

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